Genießt die wunderbare Rede des Fungierenden Rt Rest-weg,  die er zur Coloneyerhebung am 23. des Lenzmondes a.U. 160  in der zur Festburg erhobenen Stadthalle zu Homberg gehalten hat.

 

Hochverehrte Schlaraffenräte, liebreitzende Burgfrauen, profane Gäste,

Schlaraffen hört!

Nun ist es erreicht! Ihr lieben Freunde aus dem Feldlager zur Hohenburg, ihr werdet heute zur Coloney und seid dann endgültig in das schlaraffische Wunderland aufgenommen. Aus Kornetten werden Ritter, ihr alle bekommt eure (einstweiligen) Namen, schon gleich übernehmt ihr wichtige Ämter bis hin zur Thronbesteigung.

Schon vor ihrer Schwangerschaft wurde Eure alleinerziehende Mutter von allen möglichen Experten beraten, manche rieten ihr glattweg von der Mutterschaft ab, andere warnten vor den Folgen. Eure Mutter hatte lange im Kreißsaal gelegen, von hoher Zange und von Saugglocke war da die Rede. Zahlreiche Quacksalber waren an ihr Lager getreten und hatten ihre Meinung abgegeben. Doch niemand hatte den Lauf der Dinge aufhalten können. Nun erstrahlt Eure Mutter stolz, noch geschwächt vom langwährenden Wochenbett, und schaut mit glänzenden Augen auf ihren gelungenen Nachwuchs und muss nun sehen, wie sie mit ihm zurecht kommt. Das ist wahrlich ein Grund zu feiern, umringt von der Großfamilie, den schönsten Sassen des UHUversums und ihren liebreitzenden Burgfrauen.

Diese gewaltige Feyer ist Anlass, in die Zukunft zu schauen und noch einmal wesentliche Gesichtspunkte des schlaraffischen Lebens hervor zu heben: dabei möchten wir drei entscheidende Aspekte in unsere Überlegungen einbringen: Spielen, Ausreiten, Erinnerungen schaffen.

Schlaraffen hört! Schlaraffia ist ein Spiel, vergesst das nie, liebe Freunde. Es ist ein anspruchsvolles Spiel. Es handelt sich dabei um den Versuch einer kunstvollen, ästhetisch ansprechenden Vereinigung verschiedener Wissenschaften, der Versuch mit einer (deutschen) Universalsprache, einer humoristisch übergreifenden Verknüpfung aller Sachgebiete, zu einem großen Ganzen zu gelangen.

Die genauen Regeln dieses Spiels möchten wir nur andeuten, da sie wegen ihrer Komplexität nicht einfach zu veranschaulichen sind. Unser Spiel hat allerdings einen quasi-rituellen Charakter angenommen; Ziel scheint es zu sein, tiefe Verbindungen zwischen scheinbar nicht verwandten Themengebieten herzustellen und theoretische Gemeinsamkeiten von Künsten und Wissenschaften aufzuzeigen.

Fürwahr, unser Spiel ist keine Narretei, kein Klamauk, erst recht keine Clownerie. Aber wie jedes Spiel bekommt es erst dann einen Sinn (wenn man überhaupt von einem Sinn reden kann), wenn es einem Regelwerk unterworfen ist. Unser Spiel bedarf deshalb einer ständigen Kontrolle, sonst läuft es aus dem Ruder. Das hatten schon unsere Urväter klar erkannt und schufen das Ceremoniale und den schlaraffischen Spiegel, um unser Spiel fortlaufend zu triggern und einen sicheren Rahmen zu  setzen, in dem  die ständig mäandernden Ströme der Spielgestaltung  kanalisiert werden können.

Wie wir unser Spiel mit Leben füllen, das ergibt sich einmal aus den gegebenen Vorgaben/Grenzen (Regeln) und andererseits aus der Art, welche Spielernaturen daran teilnehmen. Ihr alle wisst, dass es innerhalb eines Reyches ganz verschiedene Sassen gibt, die unterschiedlicher nicht sein können. Demgemäß wird unser Spiel nach deren Charakteren ausgerichtet, und darin liegt ein Reiz Schlaraffias, weil sich unter den Schwingen UHU´s die unterschiedlichsten Sippungsabläufe finden. Das trifft nicht nur für die einzelnen Sassen zu, sondern in ganz in besonderem Maße auch für die einzelnen Reyche, die sogar innerhalb eines Sprengels unterschiedlich seien können. Es gibt musische Reiche, es gibt mehr philosophische Sassenschaften, (wir nennen sie die „Akademiker“), es gibt aber auch solche, in denen besonderer Wert dem „goldene Ball“ zukommt, und wo scharfzüngige Wortfechsungen durch die Burg geblitzt werden.

Um die Verschiedenheiten unseres Spieles kennen zu lernen, müsst ihr über den Tellerrand schauen und fleissig ausreiten, ihr dürft nicht im eigenen Saft schmoren. Und deshalb appellieren wir: Reitet aus, lasst euch von anderen Reychen inspirieren, haltet unbedingt Kontakt zu befreundeten Sassen, bindet Euch in Ihrem Spiel ein.

Ihr sollt wissen, dass sich Schlaraffia auf einer ständigen Gratwanderung befindet zwischen spießig philisterhaftem Auftreten, schulmeisterlich belehrendem Gehabe und deutschtümelnder Altklugheit einerseits. Und auf der anderen Seite haben wir die kabarettistische Narretei mit stark karnevalistischem Ambiente, witzelhaftem Auftreten und gelächterheischenden Vorträgen, die nur auf die spontane Resonanz in der Sassenschaft abstellen. Die Unterschiede können vornehmlich die neutralen Einreyter erkennen. Alle Reyche finden bei UHU ihre Heimat und es ist gut, dass der weise Uhu hier sein wachsames Auge auf die Entwicklungen richtet, ja, es ist auch gut, dass es Schiedsrichter gibt, die das Geschehen kontrollieren.

Nun wird in Schlaraffia sicherlich nicht der fußballtypische „Videobeweis“ in unser Spiel eingreifen, man könnte jedoch versuchen, unser Spiel zu regulieren. Um das zu verhindern, müssen wir dazu aufrufen, dass die Reyche selbst, insonderheit ihre Oberschlaraffen und/oder ihre Patriarchen, auf die Entwicklungen achten und gegebenenfalls rechtzeitig die Reißleine ziehen oder die gefürchtete Schere ansetzen. Lasst euch nicht „von weiter oben“ hineinreden, findet eure eigene Art, die euch später auszeichnet. Wie ihr alle wisst, hat jedes Reych seine Eigenart, und das ist gut so.

Dieser Hinweis gilt insbesondere für unsere Tochter, der wir, obwohl von vorzüglichen Erzschlaraffen ausgebildet, immer wieder unser Ceremoniale in Erinnerung rufen möchten. Besonders dann, wenn sie in ihre Pubertät kommt und kratzbürstig wird. Ganz besonders aber dann, wenn sich die altgedienten Sassen in ihre Fürstengruft zurück ziehen und der Jugend freien Lauf lassen.

Und damit kommen wir noch zu dem Thema „Schafft euch Erinnerungen“.

Ohne Gedächtnis wüsste kein Mensch, wie er zu dem wurde, was er ist. Die Erinnerung an seine primären Erlebnisse, seine großen Erfolge und auch an seine Krisen prägen ihn; all das trägt zu seinem Selbstbild und Selbstverständnis bei.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ Dieser Satz ist wohl wahr. Doch unser Gedächtnis leistet noch mehr für uns. Es ist nicht nur ein Speicher für unsere Erinnerungen und Vorstellungen von uns selbst, sondern dient ebenfalls unserer zukünftigen Weiterentwicklung. Geschichtsbewusstsein ist die Basis unserer Identität „Die Erinnerung ist eine mysteriöse Macht und bildet den Menschen um. Die Identität einer Person, aber auch die Identität von  Sassen und Reychen wird im Wortsinn wesentlich durch ihre Herkunft aus der Vergangenheit bestimmt. Die Gegenwart ist nicht ohne die Vergangenheit zu erklären“.

Diese Gedanken treffen in ganz besonderem Maße auf uns Schlaraffen zu. Schon in unserer Laufbahn als Pilger, Knappe, Junker und schließlich Ritter bilden sich Gegebenheiten heraus, die weiter in uns wirken und uns langsam zu einem Schlaraffen werden lassen. Das ist ein langwieriger Prozess, er wird nie abgeschlossen. Schlaraffen werden nicht als solche geboren. Wenn wir manchmal also ausrufen „der ist ein geborener Schlaraffe“, so stimmt das nicht. Schlaraffen fallen nicht von den Bäumen, man findet sie auch nicht auf der Wiese oder im Wald. Sie werden auch nicht zu Rittern „erzogen“. Schlaraffen entwickeln sich aus sich selbst heraus und das geht nur, wenn sie stetig an dem schlaraffischen Leben teil nehmen und selbst die Erinnerungen schaffen, die Ihre spätere Identität bestimmen. Nehmt teil an Festen, Ritterschlägen, an Ursippenfeyern, ganz vornehmlich auch an Feyern wie die heutige, seid stets bei den Gräbergängen dabei – ehret unsere Brüder, die schon den einsamen Ritt gen Ahall antreten mussten.

Und gedenkt insbesondere unserer Urväter, die uns dieses schöne Spiel geschenkt haben. Und so möchten wir auch mit den Worten schließen, welche die Allmutter Praga vor 147 Jahrungen (a.U.13) an ihre Tochter, die Lipsia, richtete:

Heißgeliebte Tochter!

 Wenn irgendetwas den Mutterbusen zu herzinniger Freude, zu hoher Begeisterung entflammen kann, so ist es vor allem das Bewußtsein, im herangereiften Kinde all die Ideale verkörpert und entwickelt zu finden, die das Herz der Mutter ihm bei seiner Geburt als fromme und heiliche Wünsche für die Zukunft in die Wiege legte! Selten hat ein Kind die Wünsche und Hoffnungen der Mutter mit in so überreichen Maße gerechtfertigt und bestätigt, als Du, theures heißgeliebtes Kind! – überströmen mußte jedoch mein Herz von helllachender Freude und von dem reinsten Glücke, als ich Dich endlich in die Arme pressen und Dir, herrliche Tochter, in´s treue Auge blicken durfte!

Lulu! Lulu! Lulu! Du herziges Kind! Was Du den meinen getan, es steht mit heiliger Flammenschrift verzeichnet auf unserer Gedenktafel, es wird stets die köstliche Perle in dem Schatze meiner Erinnerung bilden! Dank! Heißen Dank für Deine innige Liebe, für die hochherzigen Opfer, die Du der Mutter gebracht! Uhus reichster Segen werde Dir dafür zuteil! Er schütze und schirme Dich auf allen Deinen Wegen und erhöre die Segenswünsche für Dein unvergängliches Wohlergehen, die er unablässig auf Dein geliebtes Haupt herabfleht.

Nun genug der Worte, wir hätten es nicht viel besser ausdrücken können.

 

Die vorliegenden Auszüge der Chronik der Schlaraffia Lipsia sind größtenteiles entliehen aus „Schlaraffia Lipsia“ des weiland Ritter Zwilling.

Sie sei hier wiedergegeben, jenen, welche sie bereits zu kennen glauben zur Freude und jenen, welche sie nicht kennen zur Erbauung.
Jene, welche sie entweder kennen oder auch nicht kennen, sie aber auch nicht kennenlernen möchten, sei geraten sich den weniger wissenschaftlichen Seiten der Lipsiaseiten zuzuwenden.

Selten war das Herz einer Mutter mit gerechterem Stolz, in inniger Freude erfüllt, als  bei Deinem Anblick!